10. Jahrgang Dezember 2004 NR.19

Gib mir einen Bus ! –

Ein Plädoyer für das Leben auf dem Campingplatz.

„Rrrrrrrrrrrrrrrrtt-Gattack“. Das Geräusch kam jede Nacht wieder. Es kam gegen 2 Uhr morgens und noch einmal gegen 5 Uhr, und wenn die Bewohner des unteren Dünensaums zuviel Rotwein oder Malventee getrunken hatten, hörte man es auch öfter. An dem Geräusch erkannte man, wo man war, es war das charakteristische Geräusch dieser mobilen Stadt zwischen den Pinien, die jedes Jahr im Mai aufgebaut wurde und im September wieder verschwand und aus Zelten und VW-Bussen und Doppelachsanhängern, aus Sonnencreme, versandeten Rotweinflaschen und überhitzten Erwartungen bestand.

Das Geräusch kam aus den alten VW-Bussen, genau genommen aus den Schienen ihrer Schiebetüren, in denen sich Sand und Öl zu einem knirschenden Gemenge verbunden hatten. Jede Nacht machte es Rrrrrrrrtttt-gattack, einmal stolperte einer aus einem Bus heraus, stolperte über eine Spannleine und schlug dumpf neben dem Zelt auf, der Zeltgiebel sackte um einen halben Meter ein, wenig später schälten sich die überraschten Zeltinsassen aus einem Haufen aus Stoff, Gestänge, Gaskochern und Bratpfannen heraus in die südfranzösische Nacht und starrten grimmig auf den Mond, der weiß hinter den schwarzen Pinien schien. Trotz solcher Ereignisse sind Campingplätze, deren Ruf nicht immer der beste war, großartige Orte. Das Meer liegt weit und grün hinter der Düne, die Zeit zerfällt im Sand. Erst neun? Schon halb zwei? Muss man aufstehen? Muss man arbeiten? Muss man nicht.

Natürlich ist der Zeltplatz eine Utopie, ein Ort wo man fast unbekleidet lebt, nicht arbeitet, in die Baumwipfel schaut, ein Paradies, ein fernes Idyll. Andererseits ist er auch nur ein sandiges Spiegelbild der Gesellschaft, vor der seine Bewohner fliehen wollen. Es gibt wie in einer richtigen Stadt, drei verschiedene Viertel: das bürgerliche West-End, wo die teuren Tabbert-Campinganhänger mit ihren dicken Gardinen und Polstern und Bauernmöbelimitaten so trutzburgenhaft stehen, als hätten sie beschlossen, sich in Vorortsiedlungen zu verwandeln. Dann gibt es die „Aire de Camping“, in der keine Anhänger, sondern nur Reisemobile stehen und in der Vorzelte und andere Absichtsbekundungen von Sesshaftwerdung verboten sind. Die „Aire“ ist das Quartier Latin des Campingplatzes, wo Frauen unter aufklappbaren Campingbusdächern Merve-Bändchen lesen, während ihre Freunde ökologisches Tomatenmark unter das Ratatouille rühren. Schließlich gibt es die Bronx des Campingplatzes, wo die Abiturienten und die Surfer zelten, wo alte Landrover und tiefer gelegte Fords zwischen Kriechzelten, verkrusteten Sauce-Bolognaise-Töpfen und umgekippten Kronenbourg-Dosen parken.

Wer auf dem Campingplatz wohnt, braucht keinen Fernseher und kein Theater: Er muss nur den Reißverschluss seines Zeltes, die Schiebetür seines Busses öffnen und schaut in eine vierundzwanzigstündige Comedie humaine. Deutsche Campinganhängerbesitzer bauen gerne weiße Plastikstühle und auseinanderklappbare Barbecue-Sets auf und dekorieren den Weg vom Grill zur Campinganhängertür mit leeren Bierflaschen, während die Franzosen ihre Standplätze mit einer Maginotlinie aus Pinienzapfen sichern. Ein rothaariger Österreicher sitzt vor seinem giftgrünen Kriechzelt und spielt Komplementärkontrast. Eine britische Familie betritt, den zu heißen Sand kritisierend, den Strand in einer Aufmachung, die an Insektensammler denken lässt, legt sich ganz vorn ans Wasser, wo kein Franzose sitzt, lässt sich binnen eines Nachmittags krebsrot brennen, wird schließlich von einer ausgreifenden Welle erfasst und verlässt unter dünnen Flüchen die Flutzone. Weiter hinten, ganz oben auf der Düne, rast der Gemeinschaftskundelehrer eines deutschen Gymnasiums splitternackt durch den Strandhafer und versucht einen Ypps-Drachen zum Steigen zu bringen, was aber misslingt. Seine Frau schaut gelassen in Richtung Meer, als sei der Mann, an dessen Bemühungen der Strand inzwischen regen Anteil nimmt, nicht ihrer, sondern irgendein Verrückter und sie nur an den Surfern interessiert. Die Surfer bemalen sich ihre Nasen mit Sun-Blockern in Pastellfarben, tragen hautenge Neoprenanzüge und laufen wie eine erfundene Armee auf die Wellen zu. Zwei Rettungsschwimmer hoffen sichtbar darauf, drei Holländerinnen von der zweiten Sandbank retten zu dürfen, und winken erwartungsvoll mit ihrer Gashupe, aber die Holländerinnen

 


[Seite 1] [Seite 2] [Seite 3] [Seite 4] [Seite 5] [Seite 6] [Seite 7]

(c) Westfalia Register 2004/2005