10. Jahrgang Dezember 2004 NR.19

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schwimmen aus eigener Kraft zurück und verschwinden in den Dünen. Neben dem Strand ist das Abwaschhäuschen der wichtigste Ort des Campingplatzes. Viele Jugendliche verbringen ganze Tage damit, am Waschhaus, zwei Plastiktassen hingebungsvoll schrubbend, auf  den Auftritt attraktiver Unbekannter zu warten oder den Abwasch direkt vor dem Zelt eines hübschen Mädchens oder Jungen fallen zu lassen, und es gibt beim Camping nichts Schlimmeres für Jugendliche als Eltern, die ein Luxuscampingmobil mit eingebauter Spülmaschine besitzen.

Der Campingplatz ist überhaupt ein Trainingslager des Erwachsenwerdens. Natürlich hat Camping auch unangenehme Seiten. Man hört aus den Duschkabinen das Schreien ungewaschener Kinder, die auch ungewaschen bleiben wollen, man sieht die bedauerlichen Gesichter aufblasbarer Krokodile luftlos zwischen dunkelgrünen Plastikmülltonnen hängen, man sieht Menschen, die mit Gitarren und dreckigen Füßen vor ihren Zelten sitzen und schlimme Lieder von Tanita Tikaram und Tracy Chapmann in den Abend hineinsingen, Lieder wie kalte Leberwurstbrote. Auch Regen ist nicht angenehm. Wenn der Regen kommt, schlägt die Stunde des VW-Busses. Während in den überfluteten Zelten Plastiksandalen an Kochtöpfen vorbeischwimmen, täuscht das gelbe sonnige Licht der VW-Bus-Gardinen über die Witterung hinweg, die Insassen atmen den Geruch der nassen Piniennadeln und des Gaskochers ein, dessen Flamme den Kamin ersetzt und der auf die Psyche von Campern den gleichen Effekt hat wie Weihrauch auf russisch-orthodoxe Priester: unerklärliches, tiefsitzendes Glück.

Bei Regen ist auch das Diskozelt, das einmal pro Woche unten an der Düne aufgebaut wird, noch voller als sonst. Der DJ kauft jedes Jahr etwa zwei bis drei Sommerhits, spielt aber im Prinzip immer die gleichen Platten ab. Auf dem Campingplatz wird die Zeit ausgehebelt; er ist ein Dorf der Erinnerung, das jedes Jahr wieder aufgebaut wird, ein Ort, an dem die Zeit sich so dehnen lässt wie die Hängematte zwischen den Pinienstämmen.

Der Campingplatz am Meer war sowieso schon immer der beste Ort, um Krisen zu überstehen. Viele von den gut gebräunten Menschen, die sich in den dreißiger Jahren monatelang an den Stränden herumtrieben, waren arbeitslos und taten es, weil ihnen nichts anderes übrig blieb. Sie aßen selbst gefangenen Hummer und Fisch, weil es billiger war, als das Essen zu kaufen, sie schliefen am Meer, weil es billiger war als die Miete für die Wohnung, in der es sich aushalten ließ. Aber weil diejenigen, die nicht arbeiteten, sondern surften und Fische fingen und am Lagerfeuer Banjo spielten: weil diese Menschen am Ende des Sommers brauner, sportlicher, musikalischer, besser gelaunt und insgesamt attraktiver daherkamen als ihre Altersgenossen mit geregelter Arbeit, kam den Städtern irgendwann der Verdacht, das richtige Leben finde vielleicht doch nicht unter festen Dächern statt. Und jetzt die gute Nachricht: Für die Monatsmiete einer deprimierenden Wohnung ohne Balkon kann man auch heute noch von Juni bis September auf dem Zeltplatz leben, sich morgens am Außenspiegel eines alten Renaults rasieren, Tennis tabularum spielen und warten, dass die Schatten der frühen Sommer zurückkommen.

(Auszugsweise aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 15. August 2004 – Autor: Niklas Maak)

Anmerkung:
Wir waren diesen Sommer an der Cote d`Argent – treffender kann man einen südfranzösischen Campingplatz wohl nicht beschreiben!
Manfred Schapmann
 


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